Ich sitze am Schreibtisch und versuche mich auf einen Text zu konzentrieren. Felicitas Richter hat mich gebeten, einen Beitrag zu ihrem Praxis-Ebook zu erstellen. Sie ist die Autorin des Buches „Schluss mit dem Spagat“, das realistische, alltagsnahe Tipps für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt. Sie möchte gerne wissen, inwiefern ihre Methode „simple present“ meine Arbeit als Coach für Mütter bereichert. Gern mache ich dabei mit, denn das Buch enthält so viele gute Hinweise und Methoden, die ich auch gern bei meinen Coaching-Sessions einsetze.

Ich will den Text noch fertigmachen, bevor ich den Kleinen aus dem Kindergarten hole. Aber es ist unmöglich – so laute Musik kommt aus dem Zimmer meines Großen. Genervt stehe ich auf und geh zu seinem Zimmer rüber. Gerade will ich klopfen, da höre ich den Text der Musik, die aus dem Zimmer dringt:

„Hör auf die Stimme, hör was sie sagt, sie war immer da, komm, hör auf ihren Rat. Hör auf die Stimme, sie macht Dich stark, sie will, dass Du’s schaffst, also hör, was sie Dir sagt.“

Ich bleibe vor der Zimmertür stehen und höre zu. Das neue Lied von Mark Forster und Felix Jaehn. Wie cool, denke ich. Toller Text. Und so wahr!

Hör was sie sagt

Ja, auf die innere Stimme zu hören, das machen wir noch viel zu selten. Alles spielt sich nur im Kopf ab. Unsere Gedanken fahren Karussell. Wir „zerdenken“ förmlich alles. Wir zerbrechen uns die Köpfe. Aber wenn wir nur grübeln, kommen wir nicht weiter. Z.B. wenn es darum geht, einen neuen Job zu finden. Einen Job, der wirklich zu uns passt und uns erfüllt.

Mit diesem Anliegen kommen auch meine Coaching-Klientinnen zu mir. Es sind hauptsächlich Mütter, die nach der Elternzeit nicht mehr zu ihrer vorherigen Arbeitsstelle zurückkehren können. Viele wollen auch gar nicht mehr zurück in ihren alten Job. Ihre Wertvorstellungen haben sich verändert. Oder sie stellen in der Elternzeit fest, dass sie in ihrem Beruf eigentlich ziemlich unglücklich waren. Nun möchten sie was ganz anderes machen. Aber was?

Und genau hier setze ich mit meinem Coaching an. „Wofür brennst Du? Wann lacht Dein Herz? Was liebst Du wirklich?“ Das sind erste Fragen, die ich meinen Klientinnen stelle. Denn ich glaube, das was wir lieben, ist auch das, wofür wir begabt sind. Nur Liebe und Leidenschaft geben uns den Antrieb länger bei einer Sache zu bleiben. Manche sprudeln bei dieser Frage sofort los. Manche stocken sofort und schauen mich irritiert an. Hand aufs Herz. Wie ist das bei Dir? Merkst Du wie tief diese Fragen gehen können? Sie sind an Dein Herz gerichtet und nicht an Deinen Verstand. Diese Fragen wecken den Träumer in Dir. Deine Herzensstimme.

Sie war immer da, komm, hör auf ihren Rat

Wir haben sie alle in uns, nur lassen wir sie oft nicht zu Wort kommen. Wieso? Meine Erfahrung ist, dass es daran liegt, dass wir häufig nicht richtig zur Ruhe kommen. Denn die Herzensstimme kann man letztlich nur dann wahrnehmen, wenn wir wirklich präsent sind. Im Hier und Jetzt. Was mir persönlich sehr dabei hilft, ist das Bild der sich drehenden Murmel, das Felicitas Richter in ihrem Buch beschreibt. Wenn man eine Murmel mit einer Drehbewegung in Rotation versetzt, dann dreht sich die Murmel zwar rasant, bleibt aber gleichzeitig auf der Stelle stehen. Sie ruht in ihrer eigenen Mitte. Eine geniale Metapher.

Eine der einfachsten Übungen, um in unsere Mitte zu kommen, ist das bewusste Atmen. Aus dem Yoga kenne ich folgende Technik. Du kannst es ja mal ausprobieren: Du atmest ein und zählst bis 4, hältst die Luft an, zählst bist 4, atmest aus und zählst bis 8. Das kannst Du immer mal wieder zwischendurch machen.

Versuche Dich auch häufiger mal auf genau eine Sache zu fokussieren. Schau Dir z.B. für 2 Minuten eine Blume an. Hast Du das schon mal gemacht? Sei ganz dabei und konzentriere Dich nur darauf. Das ist auch genau die Essenz der „simple present“-Methode von Felicitas Richter: sich immer nur auf eines konzentrieren und dabei präsent zu sein. Multitasking, sagt sie, sei eine Mogelpackung, die viel Stress erzeugt und die Fehlerquote erhöht.

Um der inneren Stimme Gehör zu schenken, ist es auch sinnvoll, ihr eine Schreibstimme zu geben. Kauf Dir z.B. ein schönes Heft und geh ins Gespräch mit Deiner inneren Stimme. Du wirst erstaunt sein, was sie Dir sagt.

Sie macht Dich stark

„Was soll der Quatsch? Hör auf mit der Träumerei!“ Allerdings kann es sein, dass sich dann auch noch eine andere Stimme meldet. Sie ist oft viel lauter als unsere Herzensstimme, und sie spricht in einem ganz anderen Ton zu uns. Unser innerer Kritiker. Felicitas Richter hat eine Idee wie wir mit unserem inneren Kritiker umgehen können. Auf jeden Fall zuhören und dann bedanken, denn auch der innere Kritiker hat eine positive Absicht für uns. Oft will er uns nur schützen. Und dann fortschicken – und zwar freundlich und bestimmt. Sie erzählt in ihrem Buch von einer Coaching-Methode, angelehnt an die Gestalttherapie, die hilft, den inneren Kritiker in seine Schranken zu weisen und stattdessen die Herzensstimme sprechen zu lassen. Diese Übung kannst Du auch gut alleine machen: Überlege Dir, was eine gute Freundin ausmacht, schreib Dir die Eigenschaften am besten auf. Nimm Dir einen leeren Stuhl und stell Dir vor, so eine Freundin säße jetzt da, nun setze Dich selbst auf den Stuhl und begebe Dich in die Rolle dieser Freundin und betrachte Deine Situation mit ihren Augen. Deine innere Stimme ist wie eine gute Freundin. Sie ist immer für Dich da und will nur das Beste für Dich.

Sie will, dass Du’s schaffst, also hör was sie Dir sagt

Auch ich wende diese Methode gerne bei meinen Coaching-Sessions an, und es ist erstaunlich wie wirkungsvoll das ist. Warum ist es dann so schwer, wenn wir alleine sind? Oft stehen wir uns selbst im Weg. Kommen einfach nicht weiter. Es gibt eine innere Bremse in uns, die uns lähmt.

Genau aus diesem Grund habe ich für Mütter, die sich während oder nach der Elternzeit beruflich neuorientieren möchten, die Erfolgsteams für Mütter ins Leben gerufen. In einem Erfolgsteam verfolgt jeder sein eigenes Ziel und unterstützt dabei die anderen. Die Teilnehmerinnen tragen sich sozusagen gegenseitig. Ein Erfolgsteam ist inspirierend und bereichernd. Man kann Kraft schöpfen und Mut fassen und man kommt wirklich ins Tun. Und das Tolle daran ist, man hat auch die Motivation dran zu bleiben. Das Team steht sozusagen für die gute Freundin und schickt den inneren Kritiker in den Urlaub.

In ihrem Buch „Schluss mit dem Spagat“ betont auch Felicitas Richter wie wichtig es ist, andere Menschen mit einzubinden. Wir gewinnen nicht allein, sagt sie. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist von der Kleinfamilie kaum allein zu stemmen. Es braucht ein größeres soziales Netzwerk, das es aufzubauen gilt. Recht hat sie.

Das Lied ist zu Ende. Ich atme bewusst einmal tief durch und gehe wieder zurück an meinen Schreibtisch. Der Text ist fertig – zumindest im Kopf. Jetzt hole ich meinen Kleinen aus dem Kindergarten ab. Ich werde noch mit ihm auf den Spielplatz gehen. Die Sonne scheint. Meine innere Stimme lächelt zufrieden.

Diesen Artikel habe ich im Rahmen einer Praxistest-Blogparade geschrieben, an der verschiedene BloggerInnen, AutorInnen und Coaches aus dem Themenbereich „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ teilnehmen. Bisher sind schon Artikel von folgenden Personen erschienen: Alu und Konsti (http://www.grossekoepfe.de), Sascha Schmidt (http://www.selflab-blog.de), Nadja Luge (http://mamaimspagat.de), Verena (http://mamirocks.com), Felicitas Richter (http://www.simple-present.de), Angelina Bockelbrink (http://angelina-bockelbrink.de), Uta und Sabrina (http://www.vereinbarkeitsblog.de), Birgit Geistbeck (http://www.entspannt-wohnen.com)

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